Cindy Sherman

(Verstörende) Gefühlsdiagramme der weiblichen Existenz

TEXT / STYLEMAG 

Eine weitere Ausstellung im beschaulichen Stockholm, die sich im Gegensatz zu Paolo Roversis „Secrets“ mit einem etwas anderen Frauenbild befasst - ob ihrer verstörenden Wirkung oder ihrer Radikalität - ist die umfassende Retrospektive der seit 1976 am Rande der eigenen Identität arbeitenden Fotografin Cindy Sherman unter dem Titel „Untitled Horrors“ im Moderna Museet. Schon beim Betreten des durch Trennwände aufgeteilten Raumes begegnet uns die Amerikanerin, die am 19. Januar 60 Jahre alt wird und längst eine Galionsfigur zeitgenössisch feministischer Kunst ist, in Form eines absurden Clownportraits und streckt uns im Bild nebenan eine übergrosse Zunge entgegen, die wie ein fleischgewordenes Eis am Stiel anmutet. Aber das ist nichts gegen das, was noch kommen soll: Übergrosse Detailaufnahmen von Puppen beim Geschlechtsakt, entblößte Schamteile, schmerzverzerrte weibliche Gesichter - stets von Cindy Sherman selbst verkörpert - lose Plastiktorsi, Verwesung und Verfall. Das männliche Geschlecht erscheint nur als Pendant der weiblichen Verzweiflung, übermächtig, sich brutal dem weiblichen Körper anmaßend - die pure Inkarnation des menschlichen Horrors.

 

Die Photoportraits im Moderna Museet in Stockholm bieten einen sehr konzentrierten aber repräsentativen Überblick über die wichtigsten Stationen im Werk von Cindy Sherman. Wie ein Chamäleon schlüpft sie dabei von einer Rolle in die andere, ist Superfrau, Opfer, verlorene Existenz, Mutter oder Maitresse - eine Frau mit allen Möglichkeiten. Aber wer oder was verbirgt sich hinter diesen Verstellungen? Böse ist er, der Blick ihrer Frauen, ausgeliefert und voller Hass. Überdeutlich manipuliert sie Gesichtszüge, bäumt sich auf gegen die physiognomischen Lehren der alten akademischen Malerei und demonstriert damit, wie schnell ein Schönheitsideal ins unsympathische Gegenteil umschlagen kann. Während ihre frühen Arbeiten jedoch noch recht heil daherkommen, protokollieren Cindy Shermans späteren Gefühlsdiagramme eine Welt voller Wahnsinn und Grauen. Zerfressen, inmitten von Erbrochenem, in Plätzen voller Müll, debil und in sich selbst gefangen, zeigt sich ihr Gesicht. Wie in Oscar Wildes Roman Das Bildnis des Dorian Gray altern die Dargestellten auf ihren Bilder, in dem Falle jedoch mit ihr. Aus den ursprünglichen Portraits einer Frau voller Selbstachtung, adrett und modisch, werden ihr ungraziöses Gegenteil und akribisch inszenierte Grotesken, die vor allem gegen eines vorgehen: stereotypische Klischees der weiblichen Existenz und männliche Projektionen vom schönen Bild der Frau. Ihr neues „Ich“ scheint zum Frau-Sein verdammt. Am bittersten aber ist ihr Sarkasmus in den Bildnissen historischer Frauenfiguren. Zusätzlich verfremdet mit vorgeschnallten Bauch- und Brustpartien portraitiert sie das Muttersein - aufgedunsen, körperlichem Widerwillen ausgesetzt, fernab von Glück und Stolz. 

Immer wieder höre ich Kommentare, wie: „Was für eine deprimierende und kaputte Selbstwahrnehmung!“ Nein, kaputt und deprimiert ist Cindy Sherman nicht! Ihr Frauen- und Gesellschaftsbild hingegen schon. Denn auch wenn sie in ihren Darstellungen stets selbst die Hauptrolle spielt, geht es ihr vor allem um die Reflexion unsere Da-Seins. Ihre verlorenen Charaktere fungieren als Spiegelbild einer Gesellschaft, die die männliche Definition von dem, was Frauen sein sollen, vorführen und in Frage stellen. Sie bieten eine Innensicht voller Zweifel, Fragen und Unterwürfigkeit, die Männern verschlossen ist. Wie bereits bei der Mexikanerin Frida Kahlo (1907-1954), die sich auf mehreren ihrer Selbstporträts mit aufgeschlitztem Körper darstellt - als Schmerzensfrau verkommen, die nach einem schweren Verkehrsunfall nur noch von Nägeln, Stangen und Korsetts zusammengehalten wird. 

Als ich die Ausstellung schliesslich mit einen Kloß in Hals und Magengegend verlasse, wird mir aber eines klar: So faszinierend Cindy Shermans feministische Radikalität ist, so sehr habe ich in ihren manischen (übrigens sehr amerikanischen), selbstquälerischen und feministischen Studien aber vor allem eines vermisst: Stolz, Mut und Durchsetzungskraft. 

Cindy Sherman ist noch bis 19. Januar 2014 im Moderna Museet auf der wunderbaren Insel Skeppsholmen zu sehen und sei allen Stockholm-Reisenden wärmstens ans Herz gelegt. 

 

© 2019 by Stephanie Johne