Girlboss, nein! Female Leader, ja!

Nicht nur der Begriff Girlboss hätte eine Neuauflage bitter nötig, sondern auch seine vermeintlichen Vorbilder sind etwas in die Jahre gekommen. Das geht auch anders, finden wir.

TEXT / BLONDE 

Dass die Gleichstellung der Frau auch 2017 noch utopisch ist, liegt nicht zuletzt daran, dass der zeitgenössische Feminismus seine Zeit lieber mit plakativen Posen und etymologisch fragwürdig besetzten Hashtags wie #girlpower und #girlboss auf Instagram vergeudet. Zwar feierten „Girlbands“, „It-Girls“ und „Callgirls“ bereits in den 90ern Hochkonjunktur – ihre männlichen Pendants sucht man bis heute vergebens: „Boyband“ und „Callboy“ mögen gleichberechtigte Gegenüber sein, „It-Boy“ geht schon viel schwerer über die Lippen, von „Boypower“ oder gar „Boyboss“ ganz zu schweigen! Ein Boyboss in der Chefetage? Undenkbar! 

 

Warum schmücken sich Frauen freiwillig mit so offensichtlich degradierenden Titeln? Girl kommt ursprünglich von „gurle“ und steht für „Kind des weiblichen Geschlechts“, kurz: „Mädchen“. „Boss“ hingegen ist patriarchalischer Natur (wogegen der Feminismus eigentlich vorzugehen versucht) und bedeutet – abgeleitet aus dem Französischen – so viel wie „wichtiger Mann“. 

 

Dass es der Begriff überhaupt in den kollektiven Wortschatz des Feminismus' geschafft hat, daran ist auch Sophia Amoruso Schuld, Gründerin der Online-Modeboutique „Nasty Gal“. Amoruso ist ein Girlboss wie er im von ihr geschriebenen gleichbetitelten Buche steht. Ihr Verdienst: mit einer durchschnittlich guten Idee hat sie überdurchschnittlich viel Geld verdient. Und das in einer Branche, die ohnehin von Frauen dominiert wird – nicht mehr, aber auch nicht weniger. Elf Jahre später reproduziert sie sich trotz erster Insolvenz immer noch selbst, schreibt mittelmäßige Fernsehserien über ihren Erfolg, spricht aber nie  über ihr Scheitern, was durchaus erfrischend und hilfreich wäre. Stattdessen steht sie wegen ihres Führungsstils immer wieder in der Kritik – unter anderem weil Mitarbeiterinnen in der Schwangerschaft gekündigt wurde. Ziemlich bossy, ein bisschen girly, aber zeitgemäß oder gar feministisch? Fehlanzeige! 

 

Ist die Welt noch nicht bereit für so viel Girlpower? Wenn es nach der Charme-Offensive von Monika Grütters geht offensichtlich nicht! Als Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien versuchte sie Anfang des Jahres eher schlecht als recht mit der Twitter-Aktion #weiles2017ist über noch immer bestehende Missstände in Sachen Gleichstellung zwischen Mann und Frau aufmerksam zu machen. Was es braucht, ist allerdings nicht noch eine Social Media-Kampagne um Wachzurütteln (wach sind wir schließlich längst), sondern neue Role Models! Frauen, die andere Frauen inspirieren, um die Ecke zu denken und alte Mauern einzureißen, anstatt mit Erfolgsgeschichten zu protzen. Was es braucht, sind echte Vorbilder – und wenn diese Rolle schon ob der damit verbundenen, besseren Marketingtauglichkeit unbedingt einen Namen tragen muss, dann vielleicht lieber „Female Leaders“? Mit 20.695 Beiträgen auf Instagram (zum Vergleich: #girlboss hat 7.232.865), gibt es bis zum viralen Durchbruch zwar noch einiges zu tun, passende Role Models allerdings bereits zu genüge. Wir hätten da ein paar:

 

 

Die Influencerin

Sie wird von einem höheren Zweck getrieben und ist oft global erfolgreich. Ihr Erfolgsrezept? Eine gesunde Portion Selbstironie und ihre Freundinnen!

 

Role Model: Kimberly Drew

Gründerin des Tumblr „Black Contemporary Art“ – seinesgleichen die einflussreichste digitale Plattformen für afrikanische und afroamerikanische Kunst; arbeitet als Kuratorin und Social Media-Managerin für das „The Metropolitan Museum of Modern Art“ in New York.

 

Instagram: @museummammy

Twitter: @museummammy

 

 

Die Idealistin

Wenn sie sich ein Ziel gesteckt hat, hält sie mit an Sturheit grenzender Beharrlichkeit daran fest. Dabei helfen ihr eine lebhafte Fantasie und eine nahezu hellsichtige Intuition!

 

Role Model: Munroe Bergdorf

Als Transgender-Model, DJane und Aktivistin verkörpert sie Vielfalt und Individualität und hat keine Angst, laut zu sagen sagen, was sie denkt. Das wurde ihr kürzlich zum ‚Verhängnis’: nach einem Kommentar zur Rassismusdebatte auf Facebook kündigt ihr L’Oreal. Macht nichts, denn mittlerweile ist sie beim Konkurrenten Illamasqua unter Vertrag.

 

Instagram: @munroebergdorf

Twitter:@MunroeBergdorf

 

Die Unermüdliche

Frei nach dem Motto „Der Weg ist das Ziel…“ wird sie nie müde, Dinge auszuprobieren und sich dafür selbst die Hände schmutzig zu machen.

 

Role Model: Mareike Nieberding

Nach Trumps Wahlsieg hat die Journalistin die Nase gestrichen voll und beschließt, selbst die politische Bühne zu betreten. Mit ihrer Jugendbewegung „DEMO“ will sie junge Menschen wieder für Politik begeistern, auf Facebook erklärt sie: „Ich weiß, man gründet keine Bewegung, sondern man wird eine. Aber ich überspringe das Werden und proklamiere das Sein.“

 

Instagram: @mnieberding / @demo_bewegt

Twitter: @MNieberding

 

Die Pionierin

Das Klischee vom genialen Erfinder ist keineswegs nur Männern vorbehalten. Auch Frauen setzen zur Genüge neue, richtungsweisende Maßstäbe im Bereich Naturwissenschaften. Traurig nur, dass wir das überhaupt hervorheben müssen.

 

Role Model: Anne-Marie Imafidon

Mit 20 absolvierte die Britin bereits ihren Master in Mathe und Informatik in Oxford, mit 24 gründet sie ihre eigene Firma Stemettes, die junge Mädchen ermutigen soll, es ihr gleichzutun. Ihr Ziel? Dass Frauen wie Männer in Zukunft ganz selbstverständlich als Ingenieure, Informatiker oder Mathematiker brillieren.

 

Instagram: @stemettes

Twitter:@aimafidon

 

 

Die Querdenkerin

Nach dem Motto „Think outside the box“ bringt sie zusammen, was auf den ersten Blick nicht zusammen gehört. Sie hat heute schon zig neue Ideen für morgen und würde sich nie darüber beklagen, zu viel zu tun zu haben.

 

Role Model: Roya Mahboob

Das „Time“-Magazine wählte sie zu einer der 100 einflussreichsten Menschen der Welt. Ihr Ziel? Mit ihrer Non-Profit-Organisation Digital Citizen Fund Mädchen und Frauen in Entwicklungsländern Zugang zum Internet zu verschaffen und ihnen als IT-Expertinnen beruflich eine neue Perspektive zu geben.

 

Instagram: @royamahboob

Twitter: @RoyaMahboob

 

 

Die Kreative

Sie sprudelt nur so vor neuen Ideen und hantiert oft auf vielen Baustellen gleichzeitig. Wenn sie damit auch noch etwas bewegen kann, ist sie mehr zufrieden.

 

Role Model: Jemima Kirke

Jemima oder Jessa? Es gab Zeiten, da kannten nicht nur eingefleischte Fans der Fernsehserie „Girls“, sondern auch sie selbst, die Antwort auf diese Frage nicht so genau. In puncto Selbstbewusstsein steht Jemima ihrem Seriencharakter dennoch in nichts nach und propagiert nicht nur auf dem Bildschirm, sondern auch mit ihrer Malerei ein positives Körpergefühl.

 

Instagram: nicht aktiv

Twitter: @jemimakirke

 

Die Aktivistin

Trotz klarem Ziel vergißt sie nie das große Ganze. Sie möchte die Welt nachhaltig verändern, oft aus sehr persönlichen Gründen.

 

Role Model: Kübra Gümüşay

Muslimische Feministinnen? Gibt es nicht? Gibt es wohl! Kübra Gümüşay ist das beste Beispiel dafür. Die Hamburger Journalistin, Bloggerin und Netz-Aktivistin geht aktiv gegen Stereotypen vor und beweist, dass sich Kopftuch und Feminismus nicht ausschließen.

 

Instagram: @kuebrag

Twitter: @kuebra

 

Die Selbstverständliche

Gleichberechtigung ist für sie nicht nur eine Phrase. Als Kind von zwei berufstätigen Eltern findet sie es ganz normal, dass Frauen wie Männern die Welt gleichermaßen offen steht.

 

Role Model: Lea Riek

Ein Jahr lang reist sie allein mit ihrem Motorrad Cleo einmal um die Welt und berichtet auf ihrem Blog Got2Go darüber. Usbekistan, Tajikistan, Indien, Nepal Marokko und Südamerika sind nur einige ihrer Ziele. Die überraschten Reaktionen der Mitmenschen, wenn unter dem Helm eine Frau zum Vorschein kommt – für Lea kein Problem!

 

Instagram: @lea_rieck

Twitter: @RiekLea

 

 

Die Unerschütterliche

Wie Phoenix aus der Asche rafft sie sich allen Schicksalsschlägen zum Trotz immer wieder auf und vergisst dabei nie ihre gesellschaftliche Verantwortung.

 

Role Model: Mama Cāx 

Eigentlich heißt sie mit bürgerlichem Namen Née Cacsmy Brutus. Nach einer Krebserkrankung verlor die haitianisch-amerikanische Bloggerin und Beauty-Aktivistin zwar ihr rechtes Beins, nicht aber ihre Lebenslust. Mithilfe von Social Media rüttelt sie an den Festen althergebrachter Schönheitsstandards und beweist, dass wir jeden Tag  selbst die Wahl haben, ob wir uns schön fühlen oder nicht.

 

Instagram: @mamacaxx

Twitter: @MamaCaxx

© 2019 by Stephanie Johne